Barrierefreies Wohnen PDF Drucken E-Mail

„Wohnen & leben: zu Hause! - Heute schon an morgen denken!“


Coburg - Zu einem Fachgespräch zum Thema „Barrierefreier/-armer Wohnraum“ hatte die Wüstenahorner Quartiersmanagerin Kathrin Linnig eingeladen. Informative Antworten auf die Fragen des Moderators, Pfarrer Veit Röger, und des Publikums gaben vier Experten auf dem Gebiet: Ulrich Müller, selbstständiger Architekt (UMA Coburg) mit dem Schwerpunkt barrierefreies Bauen, Matthias Neuf, Verbandsreferent (unter anderem Wohnraumberater) beim Arbeiter-Samariter-Bund Regionalverband Coburg e.V., Wolfgang Zagel, unter anderem Berater Wohnungsanpassung beim reha team Coburg und Ullrich Pfuhlmann, technischer Leiter der Wohnbau und Stadtentwicklungsgesellschaft Coburg mbH.

 

Berufliche oder persönliche Erfahrungen im privaten Umfeld sind die Beweggründe der Referenten, sich besonders für das Thema „Barrierefreiheit“ zu interessieren. Sie sind sich einig, selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung so lange wie möglich zu unterstützen und für die Umsetzung der entsprechend notwendigen Änderungen des Wohnraums spezifische Lösungen zu entwickeln. „Bereits bei den Bauplänen eines Hauses ist Barrierefreiheit zu berücksichtigen“, findet Ulrich Müller. Um als Wohnraumberater Unterstützung zu bieten, dass eine Wohnung zukunftssicher ist, führen Wolfgang Zagel und Matthias Neuf einen Vor-Ort-Check durch: Sie schauen sich die Wohnräume genau an, zeigen Anpassungsmaßnahmen zur Reduzierung bzw. Beseitigung von Barrieren auf und vermitteln auch Handwerksbetriebe, welche die Umbauten vornehmen. Bestenfalls achte man schon im Vorfeld auf Barrierefreiheit, also bevor akuter Notstand auftritt: bodengleiche Dusche, breitere Türen, Aufzug, umgekehrter Türanschlag. Allerdings machen sich zu wenig junge Menschen Gedanken über ihre Wohnsituation im Alter, obwohl körperliche Einschränkungen früher oder später jeden treffen werden und Wohnraum den individuellen Ansprüchen und Möglichkeiten genügen muss.

 

„Als Sanierungsträger im Programm ‚Soziale Stadt‘ Wüstenahorn übernimmt die Wohnbau Coburg Neubau und Sanierung von Bestandsbau. Dabei ist barrierefreies Wohnen angesichts des demographischen Wandels ein wichtiges Thema: Der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum steigt“, stellt Ullrich Pfuhlmann fest.

 

Matthias Neuf beobachtet, dass es in der Regel die Kinder der Eltern sind, die anrufen, wenn ‚es brennt‘. Dies bestätigt Wolfgang Zagel: „Handlungsbedarf wird erst erkannt, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, also wenn beispielsweise der Rollstuhl unerlässlich ist. Dass sich jüngere Menschen melden, wenn sie es noch selbst entscheiden können, kommt selten vor.“ Idealerweise jedoch werden Umbaumaßnahmen getroffen, wenn man aus eigener Kraft entscheiden kann. Damit die Menschen sich dementsprechend früh genug melden, betrachtet er Information und Aufklärung als eine Aufgabe von Wohnraumberatern.

 

Daraufhin fragt man sich aber: „Kann ich mir das leisten? Ich mit meiner geringen Rente? Und mit welcher Unterstützung kann ich rechnen?“ Bei bestimmten Voraussetzungen werden für Umbauten, wie etwa dem Einbau eines Rollstuhl-Treppenlifts, Fördermittel bewilligt. Ulrich Müller erläutert die verschiedenen Förderquellen und weist darauf hin, dass es bei bestimmten Fördergeldern Erfolg versprechender ist, den Förderantrag Anfang des Jahres zu stellen, wenn der Fördertopf noch voll ist, denn zu Jahresende sind die Mittel bzw. ein Großteil davon oft schon ausgeschöpft. Wolfgang Zagel ergänzt die Informationen zur finanziellen Unterstützung von sogenannten Wohnumfeld verbessernden Maßnahmen und rechnet zusammen, dass durch die Kombination von Unterstützungsmitteln aus unterschiedlichen Quellen eine Fremdfinanzierung in Höhe von bis zu 19.000 € möglich sei. Die Anträge müssen unbedingt vor Beginn der Baumaßnahme gestellt werden – bei bereits laufenden Umbauten oder rückwirkend ist keine Förderung möglich. Unerlässlich ist, dass man selbst aktiv wird und Anträge stellt.

Veit Röger fragt Ullrich Pfuhlmann, ob denn auch Mieter der Wohnbau Umbauten vornehmen dürfen. Er erwidert: „Die Wohnbau ist bemüht, alle Wohnungen barrierefrei zu bauen, allerdings ist die Realisierung dieses Ziels praktisch nicht immer möglich. Gerade bei den 60er- und 70er-Jahre-Bauten ist der Umbau zur Barrierefreiheit technisch gar nicht machbar. Darum nutzen wir unsere zur Verfügung stehenden Wohnungen, was unter Umständen bedeutet, dass die Mieter an einem Umzug nicht vorbeikommen. Ein individueller Bad-Umbau oder ähnliches ist die Ausnahme. Wir sind bemüht, die passende Wohnung für den Mieter zu finden.“ Ein Umbau von privat vermietetem Wohnraum setzt eine schriftliche Einwilligung des Eigentümers voraus. Ulrich Müller hofft, dass hier die Rechtsprechung besser wird, denn aktuell ist beim Auszug noch ein Rückbau verpflichtend, „wobei ein Umbau ja eine Wertsteigerung des Objekts bedeutet“.

 

Typische Probleme sieht Ullrich Pfuhlmann bei den Bestandswohnungen insbesondere bei den Bädern, die kaum Bewegungsfreiheit bieten. Probleme bei Eigentumswohnungen stellt Ulrich Müller heraus: „Bei Eigentümergemeinschaften braucht es die Zustimmung von Allen, wenn zum Beispiel ein Aufzug eingebaut werden soll.“ Er zeigt Fotos und Entwürfe, die Eindrücke einiger seiner Umbauten veranschaulichen, bei denen er kreative Ideen zum Bad-Umbau oder Treppenlift entwickelt hat: „Heutzutage gibt es auch optisch schönere Lösungen als vor zehn Jahren, als es nur auf Zweckmäßigkeit ankam.“ Denn auch die individuellen Ansprüche sind mit den Jahren gestiegen.

 

Wolfgang Zagel ermutigt, Wohnraumberatung in Anspruch zu nehmen: „Wohnraumberatung ist immer individuell und neutral, gesucht werden individuelle Lösungen, es geht um Lebensqualität. Die
Herausforderung an die Professionellen in diesem Gebiet ist sich anzustrengen, sich etwas auszudenken, individuelle Lösungen zu finden.“

 

Ein Kompliment an die Wohnbau macht ein Mieter, der schon seit 55 Jahren in seiner Wohnung am Wolfgangsee wohnt, und dort vollauf zufrieden ist: „Es gibt einen Aufzug, das Bad ist groß, mit meinem Rollstuhl kann ich mich gut in der Wohnung bewegen.“ Ein einziger Mangel wird auf Nachfrage von Wolfgang Zagel aufgedeckt: Die Badezimmertür geht nach innen auf. „Wenn drinnen ein Notfall ist, beispielsweise jemand im Bad bewusstlos wird, ist es wichtig, dass die Tür sich nach außen öffnen lässt.“

 

Auch eine andere Teilnehmerin preist das Leben im Stadtteil an: „Es ist so schön hier in Wüstenahorn, man will da nicht weg. Es ist alles da, was man braucht: Arzt, Apotheke, …“

 

Eine Wohnungseigentümerin möchte wissen, ob auch sie selbst beim Umbau der Badewanne ihrer Mieterin Zuschüsse bekommen kann. Wolfgang Zagel weist auf das Vorhandensein verschiedener Fördertöpfe hin, aus denen man nur den richtigen auszuwählen braucht.

 

„Barrierefreie Mietwohnungen gibt es in Wüstenahorn beispielsweise in der Fröbelstraße“, informiert Ullrich Pfuhlmann, „Gebaut wird in der Fröbelstraße 10 gerade ein Komplex mit 31 barrierefreien Zwei-, Drei- und Vier-Zimmer Wohnungen.“

 

Sind wir auf einem guten Weg, um den baldigen Bedarf zu decken? Ullrich Pfuhlmann meint: „Im Neubau von Mietwohnungen sind wir auf einem guten Weg.“ Beim Privateigentum sieht Ulrich Müller es kritisch, dass gerade einkommenschwächere Haushalte sich notwendige Umbaumaßnahmen nur schwer oder nicht in ausreichendem Umfang leisten können.

 

Wolfgang Zagel erläutert die Voraussetzungen für Wohnraumberatung: „Die Beratung ist ein kostenfreies Angebot, wie auch die Angebote der kooperierenden Partner und Handwerksbetriebe kostenfrei und unverbindlich sind. Hauptsache ist, Sie haben erkannt: Es muss was gemacht werden. Anstatt die ganze Wohnung umzubauen, können Sie mit einem Teilbereich – beispielsweise Bad/Toilette – anfangen. Zwingende Voraussetzung (bei Angehörigen) Fördermittel bewilligt zu bekommen: Die Person hat eine abgeschlossene Wohnung – bloß ein Zimmer bei den Kindern im eigenen Haus reicht hingegen nicht aus.“

 

Das Fazit des Expertengesprächs: Die Referenten stimmen überein: „Ein Handicap ist kein Grund, kampflos die Wohnung, das gewohnte Umfeld zu verlassen und ins Altersheim umzuziehen. Wichtig: Tun Sie was und nutzen Sie die Beratung.“ Denn schließlich möchte das doch die große Mehrheit wohl: „So lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben!“

 

Text: Kathrin Linnig, Quartiersmanagerin „Soziale Stadt“ Wüstenahorn